Kann man eine Frühkartoffel auch spät abends essen?

Am Tage meiner Abiturprüfung ging es mir sehr schlecht. Ich wachte mit einem Brummschädel auf und dachte, jeden Moment müsse er zerplatzen. Schuld daran waren wahrscheinlich die vielen Gläser Bier, die ich mir zusammen mit einem Teil der Prüflinge am Abend vorher hinter die Binde gegossen hatte.

Dennoch hatte ich ein gutes Gefühl, dass diese “Schmerzen” bald nachlassen würden, lagen mir erst die Prüfungsaufgaben vor. In allen Fächern kam ich auch gut bis sehr gut über die Runden; aber im Deutschen hatte ich mich – was die Themen anbelangten – gründlich verschätzt, was mir zusätzliches Kopfzerbrechen bereitete.

Es gab zwei Themen zur Auswahl. Sie lauteten:
“Exkursionen über das Liebesleben der Pflastersteine” und “Kann man eine Frühkartoffel auch spät abends essen?”

Was sollte ich in Angriff nehmen? Nach langem hin und her entschied ich mich für das zweite Prüfungsthema. Hier meine Ausführungen dazu:

“Kann man eine Frühkartoffel auch spät abends essen?”

Ich fing an: Eine Frühkartoffel… und schon musste ich inne halten, weil ich mit der Problematik nicht zurecht kam. Als erstes musste ich mir die Frage stellen, wann ist diese Frühkartoffel eigentlich angebaut worden – und damit verbunden – handelt es sich wirklich um eine einwandfreie Frühkartoffel? Sollte der Bauer geschludert haben, den Zeitpunkt nicht richtig abgepasst und die Kartoffel am Nachmittag angebaut haben – könnte es sich ja vielleicht auch um eine Spätkartoffel handeln – oder ist das mit den Spätkartoffeln so, dass man diese nicht im März sondern im Juni anbaut?

Ich zog auch in Betracht, dass es verschiedene Arten von Kartoffeln gibt, als da sind: mehlige, vorwiegend fest kochende, – deutsche, holländische, französische, italienische, spanische, argentinische … und, und, und, … – Hansa, Grata, Sieglinde, Helle Niedersachsen… – insgesamt 135 (in Worten: Einhundertfünfunddreißig) verschiedene Sorten!!! Welche davon sind denn nun die Frühkartoffeln?

Ich sah also, dass allein für die Ermittlung der Sorte ein erheblicher Aufwand von Nöten war und zog in Betracht, dass man hier zumindest ein Studium der Agrarwirtschaft absolvieren müsste um diese Fragen zu beantworten. Eine weitere Frage, bei der der Sachverstand eines Fachmannes eine nicht unbedeutende Rolle spielt, liegt darin, an welchem Ort (aus geografischer Sicht gesehen) eine Kartoffel angebaut wird. Der Sachverstand ist dahingehend zu definieren, ob es sich bei dem Fachmann um einen Agraringenieur oder einen gemeinen (hier ist nicht gemeint, dass der Fachmann ein Schurke ist) Landwirt (ugs. Bauer) handelt.

Meine persönliche Meinung zu diesem Thema stimmt immer noch mit der weit verbreiteten Bauernregel: “Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln” überein – also Studium völlig überflüssig. In Fachbüchern hingegen ist zu lesen, dass die besten Vorraussetzungen eine leichte Südhanglage, sandiger Boden mit Löß versetzt, in der Keimphase viel Feuchtigkeit – und sobald die Pflanzenteile, die sich über dem Erdboden befinden eine Größe von 15-20 cm erreicht haben, ein gesundes Mittelmaß zwischen trockenem, warmen und feuchtwarmen Klima sind.

Wenn das Kartoffelkraut zu verdorren anfängt, ist die Zeit der Ernte gekommen. Die Zeiten, in denen noch gesungen wurde: “Am Morgen der Bauer die Rösslein einspannt…!” sind längst vorbei. Heutzutage wird das Bruttosozialprodukt im landwirtschaftlichen Bereich gesteigert, indem sich der Landwirt auf seinen “John Deere” schwingt, den Schlüssel in´s Zündschloss steckt, den Trecker startet und danach die Stereoanlage in der hermetisch abgeriegelten, voll klimatisierten Fahrerkabine aufdreht. Wohlan, lass dass Tagewerk beginnen. Zu Kaiser´s Zeiten (ja, wir hatten mal einen) brauchte man ganze Völkerscharen und einen enormen Zeiteinsatz um auch nur einen Bruchteil zu bewältigen, was heute ein moderner Bauer in einer Stunde erntet.

Vorbei die schönen Zeiten, als Oma Alma frühmorgens aufstand um zwei bis drei Einkaufstaschen voll mit Butterbroten zu packen, die Ton- und Thermosflachen mit heißem Kaffee – Marke “Kathreiner” (im gut sortierten Fachhandel heute wieder erhältlich) zu füllen und in den Keller ging um eine “Stracke” vom Wurststecken abzuschneiden – Landwirte der heutigen Generation bevorzugen in der Pause das so genannte “Texas-Frühstück” (Büchse Coke und ´ne Marlboro).

Uns Kindern war immer die Aufgabe zugedacht, die sogenannten “Saukartoffeln” einzusammeln – die bekamen dann, wie der Name sagt, die Schweine zu fressen bevor wir sie dann fraßen. Auch mussten wir das Kartoffelkraut zusammentragen, dass nach getaner Arbeit entzündet wurde. Darauf freute man sich das ganze Jahr über – und hier bot sich auch die Möglichkeit, gleich an Ort und Stelle eine Güteprüfung der Erzeugnisse vorzunehmen – Frische Röstkartoffeln aus dem Feuer und dazu Schmand (Sauerrahm) – war immer eine Köstlichkeit. Der moderne Bauer schickt heute seine Bäuerin zum nächsten Griechen an der Ecke um Folienkartoffeln mit Zaziki zu holen (Vorspeise) dazu ein saftiges Gyros mit Pommes und Reis. Nach dem ausgiebigen Mahl wird der Tag damit gekrönt, dass der Bauer und die Bäuerin noch ein Bäuerchen machen.

Doch wollen wir nicht vom Thema abschweifen und uns der eigentlichen Frage widmen. Aus meiner Sicht spielt die Zubereitung der Kartoffel eine große Rolle. Ungeschält gekocht als Pellkartoffel, als Bratkartoffel, Salzkartoffel, Knödel, Thüringer Klöße, Kartoffelpuffer, Berner Rösti oder als Kartoffelsalat kommen sie auf den Tisch. Über weitere Zubereitungsarten ließen sich ganze Bibliotheken mit Fachliteratur und Kochbüchern füllen. Die modernste Art der Zubereitung sind die Pommes Frites, über die sich Heinz Erhardt schon so seine Gedanken machte:

friedrich

 

Vom alten Fritz – alias “Potato Fritz”

Vom alten Fritz, dem Preußenkönig, weiß man zwar viel, doch viel zu wenig.
So ist – zum Beispiel – nicht bekannt, dass er die Bratkartoffel erfand!
Drum heißen sie, das ist kein Witz: Pommes Fritz!

So ein Schelm dieser Heinz.

In der Zeit, in der mein älterer Bruder seinen Wehrdienst ableistete und am Ende des Soldes noch sehr viel Monat übrig war, verdingte er sich nebenberuflich beim Meinungsforschungsinstitut “Infam” um seine Finanzen ein wenig aufzubessern. Er stand in der Fußgängerzone von Hannover und fragte Leute aus. Auf die Frage, wie hoch der gewichtsmäßige Verbrauch an Kartoffeln in einer durchschnittlichen deutschen Familie sei, antwortete ihm Frau Lieschen Müller*): “Wir brauchen keine Kartoffeln – wir essen Pommes Fritz Frites!” *)Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen von der Redaktion geändert.

Ich bin weder alt, noch heiße ich Fritz – mache mir aber Gedanken, wie man die Kartoffel innovativ vermarkten kann. Als eine revolutionäre Erfindung kann man die neueste Errungenschaft der Industrie schon bezeichnen: “Die Bratkartoffel in Tuben” © by Mel Brooks.

Vom biologischen Gesichtspunkt betrachtet schadet es der Gesundheit kurz vor dem Schlafen gehen, noch ausgiebig zu speisen. Die Folgen sind schwere Albträume. Die Depressionen, die damit verbunden sind, haben schon so manchen in den Wahnsinn getrieben. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Ottfried Preußler: “Der Räuber Hotzenplotz” . Wer kennt ihn nicht, den Zauberer Julius Zwackelmann, der den armen Kasperl dazu verdonnert ganze Berge von Kartoffeln zu schälen, zu spalten und zu braten, nur um seine Gier nach dieser edlen Frucht zu stillen? Warum spielt gerade hier in dieser Erzählung die Kartoffel eine so große Rolle – und nicht die Kaffeemühle? Fragen über Fragen, die nach einer Antwort suchen.

Vielleicht findet man die Antwort darin, dass im Grunde genommen noch niemand dieses Thema aufgegriffen hat. Es sei denn, Christopher Kolumbus, der nie einen pazifistischen Hintergedanken pflegte, wollte seinen Nachkommen einen kleinen Denkanstoß verpassen. Und das ist ihm aus meiner Sicht recht gut gelungen. Wir streiten uns nämlich heute noch: Was war eigentlich zuerst da? Die Kartoffel oder das Ei? – und damit verbunden: ist dass die Kartoffel das Ei des Kolumbus?

Ich versuchte nun zu definieren, was es mit dem Begriff “am späten Abend” auf sich hatte. Eine Relativierung war bei diesem Thema völlig ausgeschlossen – wir verneigen uns vor Albert Einstein und lassen diesen gefälligst aus dem  Spiel. Der Durchschnitts-Arbeitsnehmer beginnt sein Tagewerk dann, wenn die Werksirene ruft – pünktlich um 07:00 Uhr – also früh morgens. Wie aber, soll man die ganzen anderen Arbeitnehmer einordnen, die erst um 09:00 Uhr oder später anfangen? Ist 09:00 Uhr oder später (z.B. 12:00 Uhr) für diese Gruppe der Arbeitnehmer nicht dann “früh morgens”? – für die, die um 07:00 Uhr angefangen haben ist ja dann schon “Mittach” oder “Brotzeit”. Der jenige, der erst am Nachmittag anfängt zu worken, oder der, der nur nachts arbeitet, oder … wie soll man denn herausfinden können, wann für jeden einzelnen “spät abends” ist???

Ich machte mir noch lange Gedanken über verschiedene andere Kriterien und wollte gerade beginnen, da rief der Pauker auch schon: “Ende der Vorstellung – einsammeln”.

Verflucht noch eins – ich hatte mich mit der Zeit dermaßen beschäftigt, dass sie mir aus dem Ruder gelaufen war. Was sollte ich in der Hitze des Gefechts jetzt machen? Ich saß in der letzten Bank und hatte noch wenige Sekunden – mir standen die Schweißperlen auf der Stirn – ich nahm mit zittrigen Händen meinen Füllfederhalter Marke Pelikan und kritzelte in Eile auf das Blatt:

Die Frage: “Kann man eine Frühkartoffel auch spät abends essen” kann ich nur mit einer Gegenfrage beantworten: ” Kann man eine Spätkartoffel auch frühstücken”?

Nach der Deutschprüfung gingen wir stillschweigend zu einem Prüfling nach Hause. Es waren die reichsten Leute am Ort – sie hatten einen großen Bauernhof mit ´zig Morgen Land. Jürgen, so hieß er, ging in die Milchküche und holte aus dem Eckschrank eine Flasche mit einer hochprozentigen klaren Flüssigkeit. Als ich Jürgen nach dem Inhalt fragte, sagte er: “Hat mein Alter selbst gebrannt – der hat fast 80 Umdrehungen – aus den Kartoffeln der letzten Ernte”. Er hatte Glück, dass sein Vater gerade den Raum betrat – ein Bär von einem Mann, mit Händen so groß wie Bratpfannen.

Da hatte aber einer noch mal Glück gehabt – wenn Bauer Friedel (Fritz) nicht gekommen wäre – ich glaube ich hätte Jürgen erwürgt. Ich nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle und lernte so die letzte Zubereitungsart der Kartoffel kennen. Friedel sagte: “Nich so hastig min Jung – der macht blind”. “Wat soll´s Bur”, sagte ich, “ein Kartoffel-Auge riskier ich”.

Und die Moral von der Geschicht: “Esst abends Frühkartoffeln nicht”.

© peter frodermann 31.12.1995


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