Mandarinen im Februar


Neulich, so um Weihnachten machte ich eine Entdeckung auf meinem Fensterbrett. Meine Fensterbank ist ein kleines Vorratslager für Nudeln, Reis und Tee, alles in schönen Vorratsgläsern verstaut, ein Espressokocher findet dort seinen Platz und selbstverständlich auch ein kleines Mandarinenbäumchen.

Im Wohnzimmer habe ich auch ein Mandarinenbäumchen, naja, Bäumchen ist ein klein wenig untertrieben, das Biest misst schon fast ein Meter sechzig in der Höhe und gut einen Meter im Durchmesser.

Dieser Mandarinenbaum ist heute fast zehn Jahre alt und beinah hätte es ihn nicht gegeben.

Vor einigen Jahren bekam ich immer Besuch von zwei guten Kumpels. Das ging immer Reihe rund mit den Besuchen und zwar immer abwechselnd zu Weihnachten, Ostern und wenn die Sommerferien begannen.

Meine Freunde ärgerten mich immer, nein, es war so, dass ich mich ärgerte, weil sie mir immer die Kronkorken in den Kapselheber steckten und ich die da nur sehr schwer wieder hinaus bekam, meist nur unter Zuhilfenahme eines Schraubendrehers.

Ja, halb kaputt haben sich die zwei Schweinepriester gelacht, wenn sie es doch nur zweimal hintereinander getan hätten – ich meine kkh“halb tot lachen” – dann hätte ich die Arbeit in den Folgejahren nicht mehr  gehabt.

Im darauffolgenden Jahr legte ich den tollen Kronkorkenheber einfach nicht mehr auf den Tisch und ich brauchte mich nicht mehr zu ärgern. Sie fragten nach dem Kapselheber aber ich sagte ihnen, dass er kaputt gegangen sei.

Drei Monate nach Weihnachten machte ich eine Entdeckung. In fast allen meinen Blumentöpfen spross auf einmal Unkraut. Da waren dicht an dicht kleine grüne Pflänzchen, die ich jedenfalls für Unkraut hielt. Insgesamt 35 Sprösslinge hatte ich schon ausgezupft, als mich eine gute Freundin besuchen kam.

Wie es mir so ging und was ich gerade schaffen würde, man unterhielt sich über dies und das, man trank ein Tässchen Kaffee und aß ein Stück frisch gebackenen Leichenkuchen. Leichenkuchen deshalb, weil der immer auf den Trauerfeiern gereicht wurde. Jeder kennt das leckere Gebäck, das weitläufig als Streuselkuchen bezeichnet wird.

Dann sah meine Bekannte, die ausgerissenen Sprösslinge und fragte mich ob ich eine Mandarinenplantage anlegen wolle. “Mandarinenplantage?”, fragte ich ungläubig, “wie kommst du denn auf das schmale Brett?” “Naja”, erwiderte meine Bekannte, “weil die kleinen Sprösslinge, die du fein säuberlich auf der Fensterbank positioniert hast, Mandarinenpflänzchen sind.”

“In echt?”, fragte ich in norddeutschem Slang. “Ja!”, bekam ich kurz und knapp als Antwort.

Im Keller hatte ich noch etwas Blumenerde und einen Balkonkasten, da hinein pflanzte ich die kräftigsten der Pflänzchen.

Wie um alles in der Welt aber waren die Mandarinenkerne in die Blumentöpfe gekommen?

Nach langem Überlegen kam ich drauf: Meine Kumpels hatten beim Weihnachtsbesuch nicht nur eine Kiste Bier ausgetrunken, sondern auch die ganze Schüssel mit den Mandarinen aufgefressen – jetzt dämmerte es mir – und jetzt erst kam ich dahinter, dass der Lidl mich ganz schön kräftig übers Ohr gehauen hatte. Auf dem Etikett, was am Mandarinennetz angebracht war, stand: “Garantiert ohne Kerne!” Und die Sauhunde haben mir die ganzen Kerne in die Blumentöpfe gesteckt.

In den letzten zehn Jahren ist eine nach der anderen von mir gegangen. Mal hatte ich vergessen Wasser zu reichen, mal gab es dafür zu reichlich, mal war die rote Spinne zu Gast und hat die Pflanzen ausgesaugt. Eine einzige ist übrig geblieben, aber die strotzt nur so vor Gesundheit. Im Frühjahr muss sie wieder umgetopft werden und dann ist sie, so glaube ich auch stark genug um ein halbes Jahr im Freien zu wohnen.

Letzten August hatte ich Besuch von meinem Bruder, meiner Schwägerin und meiner Nichte. Die drei hatten mir eine kleine Zier-Mandarine mitgebracht. Die hatte Früchte ohne Ende. Sie trug etwa 20 Früchte, alle so zwischen drei bis vier Zentimeter Durchmesser. Krachsauer waren die Biester, für Bitterorangen-Marmelade waren es aber zu wenige.

Ja, wenn meine selbstgezogene Mandarine nächstes Jahr genug Hyposynthese bekommt und draußen die Bienen die Blüten bestäuben, ist der erste Schritt getan um bei DelMonte anzurufen, damit der Erntetrupp in Bewegung nach Hannover gesetzt werden kann…

Irgendwie spielt die kleine Mandarine jetzt verrückt. Dreiunddreißig Früchte hat sie jetzt im Februar, die Hälfte davon haben schon ein paar orange Stellen. Mandarinen im Februar, ohne Wintergarten… ich werd verrückt.


Diesen Inhalt mit Freunden teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

20 + = 29

Emoticons Smile Grin Sad Surprised Shocked Confused Cool Mad Razz Neutral Wink Lol Red Face Cry Evil Twisted Roll Exclaim Question Idea Coffee Mr Green