Politische Bildung – Deflation

Heute: Die Deflation

Fallende Preise an den Zapfsäulen und billigeres Heizen halten die Inflationsrate in Deutschland auf ihrem Viereinhalb-Jahres-Tief. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im August erneut um durchschnittlich 0,8 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. „Eine niedrigere Teuerungsrate wurde zuletzt im Februar 2010 mit 0,5 Prozent ermittelt“, hieß es. Die Europäische Zentralbank (EZB) spricht nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen. Sie hat im Kampf gegen eine drohende Deflation in der Euro-Zone ihren Leitzins vergangene Woche auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt.

Unter Deflation versteht man in der Volkswirtschaftslehre einen allgemeinen, signifikanten und anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Waren und Dienstleistungen. Deflation entsteht, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geringer ist als das gesamtwirtschaftliche Angebot (Absatzkrise). Deflation tritt üblicherweise zusammen mit einer Depression auf.

Preissenkungen wirken sich positiv auf die Wohlfahrt aus, wenn sie auf gestiegener Effizienz beruhen. Im Gegensatz dazu beruhen die Preissenkungen bei Deflation auf fehlender Nachfrage. Dies führt dazu, dass Unternehmen nicht mehr investieren, weil Investitionen keinen Gewinn mehr versprechen und Konsumenten ihre Konsumausgaben möglichst nach hinten schieben, weil die Produkte immer billiger werden. Deflation führt dann zu einer schweren Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit, so wie z.B. in der Großen Depression.

Waren und Dienstleistungen werden stetig billiger. Folglich sinken die Gewinnerwartungen der Unternehmen, diese investieren weniger und versuchen stattdessen die Kosten zu senken, z. B. durch Senkung der Güterproduktion (Kurzarbeit, Standortschließungen etc.), durch Entlassungen und durch Lohnsenkungen. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Einkommen sinken. Es kann weniger konsumiert werden, die Nachfrage nach Konsumgütern schrumpft und die Steuereinnahmen des Staates sinken. Die gesamte Wirtschaftsleistung verringert sich zunehmend. Die Folge ist eine Wirtschaftskrise.

Während Preise, Gewinne und Löhne in einer Deflation sinken, bleibt der Nennwert von Krediten und anderen Schuldtiteln unverändert. Dadurch werden Schuldner benachteiligt, da ihre über Kredite finanzierten Sachgüter in Geldeinheiten gemessen an Wert verlieren, aber sie nach wie vor den gleichen anfangs festgesetzten monetären Wert begleichen müssen. Hingegen profitieren Besitzer von Geldvermögen von einer Deflation, da ihr Kapital nun – zinsbereinigt – einen höheren Wert hat als am Anfang der Periode. In der Folge kommt es vermehrt zu Insolvenzen von verschuldeten Unternehmen, mit negativen Auswirkungen auf deren Arbeitnehmer und Gläubiger. Die weitere Folge kann eine Schuldendeflation sein, also eine Finanzkrise und eine sich durch die Sparmaßnahmen der Wirtschaftsakteure immer weiter verstärkende Deflation mit der Folge der Vertiefung der Wirtschaftskrise.

Die Kaufkraft der Konsumenten steigt, wenn die Löhne nicht stärker sinken als die Preise. Wenn die Löhne stabil bleiben, obwohl die Unternehmen Löhne in der Höhe nicht mehr finanzieren können (Lohnrigidität), führt dies zu Unternehmensinsolvenzen.

Reduktion der Staatsausgaben

Eine weitere mögliche Quelle für Deflation ist der Staatssektor. Wenn eine Regierung die Staatsausgaben drastisch kürzt, etwa um das Budgetdefizit zu verringern oder einen Budgetüberschuss zu erzielen, fällt die staatliche Nachfrage auf den Märkten kleiner aus, und man gelangt wieder bei gleich bleibendem Angebot zu einer Nachfragelücke.

Quantitätstheoretischer Ansatz (Monetarismus)

In einer Deflation sinken der nominelle Gewinn, der nominelle Wert von Unternehmen und der nominelle Wert der Arbeitsleistung, während der Wert von Krediten stabil bleibt. Die reale Schuldenlast erhöht sich also durch einen allgemeinen Preisverfall. Dies hat in einer modernen Volkswirtschaft gewaltige Auswirkungen, weil die Buchgeldmenge um ein vielfaches höher ist als die Bargeldmenge. Buchgeld ist eine durch Kreditvergabe der Banken entstandene Geldmenge (Giralgeldschöpfung). Dass eine längere Deflationsphase eine Depression verursacht wurde erstmals von Irving Fisher in The Debt-Deflation Theory of Great Depressions (1933) dargestellt. Er beschrieb eine Verkettung von Umständen, die zu Schuldendeflation führt:

  • Schuldner versuchen mit Notverkäufen (Verkäufe zu sehr niedrigen Preisen) kurzfristig zahlungsfähig zu werden.
  • Die Rückzahlung von Schulden führt zu einer Verringerung der Giralgeldschöpfung der Banken und somit zu einer Verringerung der Geldmenge.
  • Durch Verringerung der Geldmenge sinkt das Preisniveau.
  • Durch sinkendes Preisniveau sinken die Unternehmenswerte. Die Kreditwürdigkeit der Unternehmen verringert sich was die Verlängerung bzw. Umschuldung von Krediten erschwert.
  • Die Gewinne der Unternehmen sinken.
  • Die Unternehmen senken die Produktion und entlassen Arbeitskräfte.
  • Es entsteht ein allgemeiner Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Lage.
  • Statt zu investieren wird Geld gehortet.
  • Die nominellen Zinssätze sinken zwar, aufgrund des allgemeinen Preisverfalls erhöht sich jedoch das reale Gewicht der Zinslast.

Das Ergebnis der Schuldendeflation ist scheinbar paradox: je mehr Schulden zurückgezahlt werden, desto stärker sinkt die Geldmenge (falls Regierung und Zentralbank so wie zu Anfang der Weltwirtschaftskrise nicht reflationierend eingreifen), desto stärker sinkt das Preisniveau, desto drückender wird das reale Gewicht der verbleibenden Schuldenlast.


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